>R.I.P.. Pfarrer i.R. Jürgen Diestelmann Braunschweig

     

>R.I.P.. Pfarrer i.R. Jürgen Diestelmann Braunschweig

Video-Einzug: Trauergottesdienst

Vater Unser auf Aramäisch für den Verstorbenen Pfarrer Jürgen Diestelmann
durch die Erzbischöfe Mor Julius Dr. Hanna Aydin und Mor Philoxenus Mattias Nayis

Grusswort Seiner Eminenz Mor Julius Dr. Hanna Aydin auf dem Trauergottesdienst am 6.1.15


 

 



 

Pfarrer Jürgen Diestelmann:„Laßt uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal6,10)

Pfarrer Jürgen Diestelmann: „Mit den syrisch-orthodoxen Christen ist die Urkirche zu uns ins Abendland gekommen.“


Pfarrer Jürgen Diestelmann, Braunschweig

Vor 30 Jahren kamen die Syrisch-Orthodoxen zu uns
Im Jahre 1979 kamen einige syrisch-orthodoxe Christen („Aramäer“) zum Gottesdienst in unsere Brüdernkirche. Damals lebte in Braunschweig nur eine relativ kleine Gruppe von ihnen, während sich in anderen Orten (vorwiegend in Industriestädten) im Süden und im Westen der Bundesrepublik schon eine größere Anzahl (zunächst als Gastarbeiter) angesiedelt hatte.

Im Gefolge der Cypernkrise hatte auch im Osten der Türkei die feindselige Haltung der Moslems gegenüber Christen zugenommen, sodaß die Übergriffe gegenüber den dort noch verbliebenen Christen zunahm. Durch die Ereignisse der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts - insbesondere der Jahre 1915 bis 1917 – war ihre Zahl ja schon erheblich reduziert.

In den 70-er Jahren setzte der Zustrom von Asylbewerbern nach Deutschland aus vielen Ländern ein. Unter ihnen hatten es die Christen aus der Türkei besonders schwer, weil sie in der Türkei unter den Moslems als Christen diskriminiert und verfolgt worden waren, in Deutschland aber für Türken und Moslems gehalten wurden - und hier nun ebenfalls auf Ablehnung stießen.

Nach dem Wort des Apostels „Laßt uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal6,10) suchten wir ihnen in dieser Situation zu helfen, indem wir ihnen ökumenische Gastbereitschaft am Altar boten und dann, wenn ein syr.-orth. Priester (meist Vater Johannes Teber aus Berlin) zur Verfügung stand, das Gotteshaus für ihre Gottesdienste zur Verfügung stellten. Außerdem veranstalteten wir „Familiennachmittage“, um ihnen zu helfen, sich in unserer

Gesellschaft einzuleben. Soweit dies möglich war, wurde ihnen auch Hilfestellung in den Asylverfahren geboten.


 


6. September 2009

"Wie wir sie empfingen“

Rede beim Festakt „30 Jahre aramäische Gemeinde im Landkreis Wolfenbüttel“

Hochwürdiger Herr Erzbischof! Verehrte Anwesende!

1. Vorbemerkungen zur Situation in den 70-er Jahren
Zu Beginn meiner Ausführungen ist es nötig, daß ich kurz schildere, wie vor 30 Jahren in Braunschweig die Situation für die asylsuchenden Christen aus der Türkei war.

Die Zuwanderung von Christen aus der Türkei begann schon etwa 1960.

Während der sog. Wirtschaftswunderzeit bestand in Deutschland ein Arbeitskräftemangel.
Am 30. Oktober 1961 wurde ein Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei geschlossen. Auf der Grundlage dieses Abkommens warben deutsche Unternehmen türkische Gastarbeiter an. In türkischen Städten wurden offizielle Anwerbebüros errichtet, so auch in Midyat, so daß schon damals eine Anzahl aramäischer (syrisch-orthodoxer) Christen aus dem Tur Abdin nach Deutschland kamen. Nachdem der Arbeitskräftemangel allmählich abnahm und der anschwellende Zustrom in der Bundesrepublik soziale Ängste und die Gefahr sozialer Unruhen hervorzurufen schien, wurde dann jedoch am 23. November 1973 ein allgemeiner Anwerbestop verfügt. Dennoch hielt der Zustrom von Arbeitssuchenden an. Dadurch war die Einreise versperrt und Viele suchten nun über ein Asylgesuch die Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen. Zugleich setzte ein verstärkter Familiennachzug ein. Bis zu dieser Zeit deckte sich die Situation der Christen aus der Türkei in unserm Land im allgemeinen mit der Situation der übrigen Zuwanderer aus der Türkei. Eine neue Situation entstand mit dem Zypern-Konflikt, d. h. mit den Auseinandersetzungen zwischen der griechisch-sprachigen und der türkisch-sprachigen Bevölkerung Zyperns, die mit dem Militärputsch 1974 und der Teilung Zyperns ihren Höhepunkt fanden. Die Auswirkungen dieses Konfliktes beschränkten sich nicht auf Cypern, sondern wirkten sich auch auf das Verhältnis zwischen Moslems und Christen im ganzen Nahen Osten aus. Christen schon immer schwierig. Nun aber flammte der Haß gegen die christliche Minderheit in der Türkei erneut auf und dies bekamen besonders die Christen in der Osttürkei zu spüren, denn dort im sog. Im Tur Abdin (Bezirk Midyat) gab es in der Gegend um das Kloster Mor Gabriel noch relativ viele Christen. Es kam zu Überfällen, Morden, Entführung von Frauen und Mädchen, dem Abbrennen erntereifer Getreidefelder und anderen Greueltaten. Eine große Fluchtwelle setzte ein. Ganze Dörfer wurden entvölkert. Viele flohen ins Ausland. Diejenigen, die Angehörige in Deutschland hatten, versuchten, zu diesen zu gelangen, um wegen ihrer Verfolgung Asyl in der Bundesrepublik zu erlangen.

Nach Braunschweig waren - soweit mir bekannt ist - auf dem Wege des Anwerbeabkommens von 1961 noch keine Christen aus der Türkei gekommen. Nachdem jedoch der Zustrom von Asylsuchenden an bestimmten Ballungspunkten der Bundesrepublik immer größer wurde, begann man 1976, sie auf alle Bundesländer zu verteilen. Damals kamen die ersten syrisch-orthodoxen (aramäischen) Christen nach Braunschweig.
Außer Musa Dogan sind jedoch die meisten nicht hier geblieben, sondern zu Angehörigen in andere Orte verzogen.

 

2. Wie ich mit den aramäischen Christen bekannt wurde
Um Ihnen dies zu schildern, muß ich zunächst einen Umweg nach Schweden machen. Dort habe ich des öfteren mit meiner Familie Urlaub gemacht. Dabei wurde uns mehrfach von der Problematik der in Schweden lebenden aramäischen Christen berichtet. Diese war dort etwas anders als bei uns hier in Deutschland. Wie mir erzählt wurde, hatte sich in den 60-er Jahren der schwedische Staat gegenüber dem UN-Flüchtlingskommissar verpflichtet, ein bestimmtes Kontingent von christlichen Flüchtlingen aufzunehmen. Nachdem dieses Kontingent erfüllt war, kamen aber immer noch mehr von ihnen, sodaß man begann, die Aufnahme zu verweigern und die Ausweisung anzudrohen. In dieser Situation haben viele schwedische Christen abgewiesene Flüchtlinge aufgenommen und in ihren Sommerhäusern zu verstecken. Da dies auch Pfarrer taten, die in Schweden als Staatsbeamte gelten, entstand hierüber eine öffentliche Diskussion in den öffentlichen Medien. Die Problematik

der aus der Türkei stammenden Christen wurde dadurch dort – im Gegensatz zu Deutschland – in der Öffentlichkeit weithin bekannt. Ich wurde mehrmals gefragt: Habt Ihr in Deutschland denn keine syrisch-orthoxen Christen? Aber hier hatte man die Christen aus der Türkei oftmals noch gar nicht wahrgenommen. Für die Öffentlichkeit waren sie eben Türken. Auch ich selbst hatte bis dahin kaum von ihnen gehört.Bekanntlich war in der Türkei das Verhältnis zwischen Moslems und Aber dann fanden sich wenige Wochen nach meiner Rückkehr vom aus dem Sommerurlaub 1979 Joseph, Jakob und Sarah Dogan in der Brüdernkirche bei uns in der Brüdernkirche zum Gottesdienst ein. Ich erkundigte mich bei ihnen, wie viele aramäische Christen es hier in Braunschweig gäbe. Es war im Vergleich zu den Orten in der Bundesrepublik, wo sich in den Jahren zuvor Gastarbeiter angesiedelt hatten, nur eine kleine Gruppe: Etwa ein Dutzend Männer, teils allein, teils mit Ehefrau, teils mit Familie. Sie waren längst mit Can Senkal in Berührung gekommen, der schon länger als Student in Braunschweig lebte und mir als Dolmetscher zur Verfügung stehen konnte. Ohne ihn wäre ich in den folgenden Jahren nicht ausgekommen. Darum möchte ich ihm an dieser Stelle für seine Dolmetscherdienste, die er mir sehr oft ganz selbstverständlich leistete, jetzt einmal öffentlich danken. Die aramäischen bzw. syrisch-orthodoxen Christen hatten es ja hier in der Bundesrepublik nicht so gut wie beispielsweise ihre Landsleute in Schweden, die von vorn herein beim Erlernen der Landessprache staatlich gefördert wurden. Sie selbst sprachen ja nur aramäisch, kurdisch oder türkisch. Ihr Erscheinen bei uns empfand ich als einen Fingerzeig Gottes. Mir wurde klar, daß hier eine wichtige und große Aufgabe auf mich wartete, der ich mich trotz meiner umfangreichen Pflichten als Pfarrer an der Brüdernkirche nicht entziehen durfte. Ich sah diese Aufgabe allerdings keineswegs nur als eine soziale, gesellschaftliche oder gar politische an, sondern in erster Linie als eine christliche bzw. kirchliche, denn mir stand das Wort des Apostels Paulus vor Augen, der im Galaterbrief (6,10) geschrieben hat: “Darum, solange wir noch Zeit haben, laßt uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.“

Dies bedeutete in meinen Augen angesichts des großen Zustroms von Asylsuchenden in der Bundesrepublik für die Kirche und damit für mich als Pfarrer, sich aller Notleidenden anzunehmen, vor allem aber derer, die als Christen verfolgt waren und ihre Heimat um ihres Glaubens willen verlassen mußten. Gelegentlich kam es aber auch vor, daß mich ein Moslem um Rat fragte. Was bedeutete es aber nun für die orientalischen Christen hier in unserm Land zu leben? Vielen Deutschen war ja kaum bekannt, daß es in der Türkei überhaupt Christen gibt. Darum bekamen die aus der Türkei gekommenen Christen oft – meist in verächtlichem Ton – zu hören: „Ich seid ja auch Türken!“ Aber: Nach ihrem eigenen Verständnis war Türke zu sein ein absoluter Gegensatz zum Christsein. Die Bezeichnung „christliche Türken“ ist für sie ein Widerspruch in sich selbst. Zugleich aber machten sie hier im angeblich christlichen Abendland die Erfahrung, daß manche Christen unseres Landes ihrerseits in Haltung und Lebensführung gar keine Christen waren. Einer der Aramäer erzählte mir, daß er sich mit einem Arbeitskollegen unterhalten habe und nur auf Unverständnis oder gar Spott gestoßen sei, als er diesen gefragt habe: „Was weißt Du denn von Moses oder vom Propheten Jona?“ Manche Deutsche hätten noch nicht einmal gewußt, wer Jesus ist.

3. „Ökumenische Gastbereitschaft“
Die syrisch-orthodoxe Kirche ist eine der ältesten, wenn nicht die älteste christliche Kirche überhaupt. Sie kann ihren Ursprung bis in das Neue Testament zurückführen. Ihr offizieller Name ist darum „Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien“, einerseits weil – wie in der Apostelgeschichte (Apg. 11)erzählt wird - nach Antiochien schon zur Zeit des Neuen Testaments die ersten Christen kamen (also schon bevor der Apostel Petrus nach Rom kam), und andererseits, weil sich dort schon in den ersten Jahrhunderten der Patriarchatssitz befand. Etwas zugespitzt habe ich daher gelegentlich formuliert:

Mit den syrisch-orthodoxen Christen ist die Urkirche zu uns ins Abendland gekommen.“

Ihre Sprache ist ja das Aramäische, die Jesus selbst einst sprach. Daß sie gerade uns als Lutheranern sehr nahe stehen, wurde mir auch auf andere Weise bestätigt. Unsere lutherischen Vorfahren haben

nämlich im 16. Jahrhundert im Chorgestühl unserer Brüdernkirche all jene Glaubensväter dargestellt, die im Laufe der Jahrhunderte das Evangelium bezeugten, nicht nur Martin Luther, Bugenhagen und

Melanchthon, sondern schon die Glaubenszeugen von der Zeit der Urkirche an, beginnend mit Ignatius von Antiochien, Polykarp von Smyrna, Justinus Martyr und so weiter. Wenn ich syrisch-orthodoxe

Priester oder andere, die sich in ihrer Kirchengeschichte auskennen, durch unsere Brüdernkirche führte, waren sie immer sehr begeistert und sagten: „Das sind ja die Väter unserer Kirche.“
Ja, sie sind unsere gemeinsamen Glaubensväter! Sie werden auch in den Bekenntnisschriften unserer Kirche erwähnt, denn die Kirche hat nicht erst mit Martin Luther angefangen, erst recht nicht mit der Gründung der EkiD nach dem letzten Krieg, sondern steht zusammen mit anderen Konfessionen in der langen Tradition, die bis in die Zeit der Apostel zurückreicht.

Ich suchte schon bald die Verbindung zur offiziellen syrisch-orthodoxen Kirche, die sich ja inzwischen auch in Westeuropa konstituiert hat. Der auch für Braunschweig zuständige Priester, Vater Johannes Teber aus Berlin kam des öfteren hierher, hielt Gottesdienste, taufte, traute Brautpaare und kümmerte sich um die Gläubigen, soweit dies von Berlin aus möglich war. Auch hatten wir den leider so früh verstorbenen, unvergessenen Erzbischof Mor Yulius Cicek mehrfach bei uns. Er hatte seinen Sitz in den Niederlanden in Losser und war für ganz Westeuropa zuständig. Auch andere Priester, z. B. Vater Yusuf Harman aus Ahlen/Westfalen, war einige Male hier. Natürlich ist auch Erzbischof Hanna Aydin heute nicht das erste Mal unter uns. Daneben gab es gelegentlich ökumenische Wortgottesdienste mit anderen Konfessionen. Ohne eine unstatthafte Konfessionsmengerei zu eröffnen, luden wir die

syrisch-orthodoxen Christen zu unseren eigenen lutherischen Meßgottesdiensten ein, wenn kein eigener Priester sein konnte, und boten ihnen ökumenische Gastbereitschaft an, auch am Altar, denn wir wußten uns in der Bindung an Gottes Wort und dem Bekenntnis zur Gegenwart Christi im Sakrament mit ihnen eins. Darüber hinaus hielten wir regelmäßig „Familiennachmittage“, um die

Begegnung zwischen ihnen und unseren Gemeindegliedern zu fördern.

Dabei waren häufig auch Frau Betzold und Frau Schwuchow vom Diakonischen Werk anwesend, von deren betreuerischer Tätigkeit wir noch hören werden. Auch ihnen gilt mein besonderer Dank!

4. An der Grenze zur Politik
Wie ich schon sagte, habe ich meine Arbeit mit den aramäischen Christen stets als eine kirchliche Aufgabe angesehen, nicht als eine politische oder allgemein gesellschaftliche.
Ich bin ja Pastor und kein Politiker. Aber es ergaben sich oft Berührungspunke. Die Zuständigkeit

der weltlichen und kirchlichen Behörden habe ich dabei stets gewahrt. Zum Beispiel hat mich Oberlandeskirchenrat Becker sehr unterstützt. Mit ihm zusammen war ich auch gelegentlich im Innenministerium in Hannover.Des öfteren habe ich auch bei der Formulierung von Asylgesuchen

geholfen, weil die aramäischen Christen in der Regel nicht wußten, welche Kriterien bei den deutschen Behörden für die Gewährung von Asyl maßgebend waren. Oftmals meinten sie, es sei genug zu sagen,

Ich bin ein Christ und komme aus der Türkei“. Das wäre doch Asylgrund genug.

Ein anderer Punkt, bei dem sich meine kirchliche Tätigkeit auch in den politischen Raum auswirkte, war die Öffentlichkeitsarbeit. Diese wurde notwendig, weil vor 30 Jahren die Notwendigkeit der Integration der ausländischen Mitbürger längst noch nicht in das allgemeine Bewußtsein der deutschen Bevölkerung eingedrungen war. So habe ich mehrfach versucht, durch kleinere Veröffentlichungen auf die aramäischen Christen aufmerksam zu machen. Durch den „Brüdern-Rundbrief“ unserer Gemeinde, der in ganz Deutschland (und darüber hinaus) Leser hat, wurden diese bald bekannt. Eine ähnliche

Öffentlichkeitsarbeit wurde auch von anderen geleistet, zum Beispiel von der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ und anderen. Auch erschienen Berichte in verschiedenen Tageszeitungen. Mehrfach wurde

ich zu Vorträgen auch außerhalb Braunschweigs eingeladen, z. B. Auch in der Marktkirche Hannover.

Daß ich stets bestrebt war, mich im Rahmen der Legalität zu bewegen, mag Ihnen das Folgende verdeutlichen: Bei einem Familiennachmittag bemerkte ich, daß einige Aramäer sehr

aufgeregt unter sich diskutierten. Sie hatten die Nachricht erhalten, daß ein junges aramäisches Ehepaar bei dem Versuch als Asylsuchende in die Bundesrepublick zu gelangen, an der Grenze festgehalten wurde. Nach kurzer, aber intensiver Beratschlagung blieb keine andere Möglichkeit, ihnen zu helfen, als sich persönlich dorthin zu begeben. Kurz entschlossen setzte ich mich zusammen mit dem Dolmetscher, Herrn Senkal, ins Auto und fuhr mit ihm zum Grenzübergang bei Salzburg.
Wir fanden die beiden hilflos auf der österreichischen Seite. Wir luden sie ins Auto ein und fuhr mit ihnen über die Grenze. Auf deutscher Seite fuhr ich unmittelbar zu den bayerischen Grenzbeamten

und sagte ihnen, daß ich zwei Asylbewerber in meinem Auto hätte, die ich nach Braunschweig bringen wolle. Als sie mir sagten, ich solle sie dort bei ihnen zurücklassen, sie kämen dann zunächst in ein bayerisches Durchgangslager, erklärte ich ihnen, sie könnten sich ja wohl denken, daß ich die weite Reise aus Braunschweig nicht unternommen hätte, um sie in einem bayerischen Durchgangslager unterzubringen. Nach einer telefonischen Rückfrage im bayerischen Innenministerium ließen sie uns

weiterfahren. Das Ehepaar lebt heute mit den inzwischen geborenen Kindern in Köln. Eine solche Unternehmung war natürlich nur möglich, weil damals die gesamte Asylpolitik der Bundesrepublik noch nicht so klar geregelt war wie heute und auch die Handhabung in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich war. Der erste gedruckte Bericht, den ich damals zum Schicksal der christlichen Glaubensflüchtling aus der Türkei veröffentlichte, trug den Titel „Die Letzten von Arbay“. Darin habe ich über das Ergehen der Familie Dogan berichtet. Arbay war das Dorf, aus dem Familie Dogan

stammt. Heute wohnen dort infolge der geschilderten Ereignisse keine Christen mehr. Vor fünf Jahren besuchten einige junge Mädchen aus Braunschweig und Wolfenbüttel die Heimatdörfer ihrer Eltern. Nursen Dogan berichtete über den Besuch der Heimatdörfer ihrer Eltern Kerburan und Arbay: Die “... alten Kirchen und Klöster sind so beeindruckend. Alle waren so herzlich. Leider hatten wir dort sehr

gemischte Gefühle. Einerseits war es wunderschön, unseren Ursprung, 'unsere Wurzeln' endlich zu sehen, aber andererseits hat es mich hart getroffen, unser Dorf Arbay so zu sehen: Altäre zerstört, Taufbecken zertrümmert. Die Moslems halten in unseren Kirchen ihr Vieh. Genauso waren die christlichen Gräber, die in den Kirchenmauern sind. Viele Steine von der Kirche wurden von den Moslems gestohlen, und für ihren eigenen Hausbau eingesetzt. Ich muß sagen, da war es unmöglich bei diesem Anblick die Tränen zurück zu halten. Meine Eltern wären entsetzt gewesen.“

5. Ein dreifacher Appell
Abschließend möchte ich mich zunächst herzlich beim deutsch-aramäischen Freundschaftsverein bedanken, daß er sich der aramäischen Christen nun schon so lange angenommen hat. Als ich die syrisch-orthodoxen Christen vor 30 Jahren kennen lernte, wohnten sie alle noch in Braunschweig.
Aber wie ich dann erfuhr, war die Umverteilung nach Wolfenbüttel schon beschlossen und nicht mehr rückgängig zu machen.

Ich bedauerte dies sehr, denn so konnte die Brüdernkirche für sie zwar ein Ort sein, wo sie immer wieder zusammen kommen konnten. Aber eine geregelte Betreuung wie sie mir eigentlich vorschwebte, war so nicht mehr möglich. Um so dankbarer bin ich dem deutsch-aramäischen Freundschaftsverein für seine Arbeit. Zugleich möchte ich mit mit einem Appell an alle deutschen – evangelischen und katholischen – Zuhörer wenden. Wie ich vorhin sagte, ist „mit den syrisch-orthodoxen Christen ... die Urkirche zu uns ins Abendland gekommen.“

Ich möchte noch einmal hervorheben, was dies bedeutet. Die Christen in der Türkei haben seit Jahrhunderten unter der Herrschaft von Andersgläubigen gelitten. Viele von ihnen sind praktisch als Märtyrer gestorben. Ich selbst war von Anfang an tief beeindruckt, mit welcher Intensität und Frömmigkeit sie in unserer Brüdernkirche ihre Gottesdienste feierten. Aber nun machen sie hier im

angeblich christlichen Abendland ganz andere Erfahrungen. Die gemeinsamen Glaubenswurzeln mögen uns abendländischen Christen Verpflichtung sein, selbst ganz aus der Tiefe des biblischen Wortes, der Liturgie und des Sakramentes zu leben. Sich der Glaubensflüchtlinge

anzunehmen, ist nicht nur eine gesellschaftliche Verpflichtung, sondern eine Frage der christlichen, brüderlichen Verbundenheit. Aber das setzt auch das gemeinsame Bekenntnis zu Jesus als unserem Erlöser und ein Leben aus Gottes Wort voraus. Zugleich richte mich aber auch direkt an unsere aramäischen Freunde. Manche von ihnen erinnern sich vielleicht daran, daß ich schon damals

sagte: „Nehmt euch die Lebensführung der Deutschen nicht zum Vorbild, viele von ihnen leben nicht mehr sehr christlich und fromm!“ Ich möchte Euch bei der heutigen Gelegenheit noch einmal dringend ermuntern: Bleibt den Traditionen Eurer Kirche treu! Mit Kummer habe ich vernommen, daß das gottesdienstliche Leben der syrisch-orthodoxen Gemeinde in Braunschweig-Wolfenbüttel nicht mehr so lebendig ist wie vor 30 Jahren. Ich bitte und ermahne Euch, bleibt als Gemeinde zusammen! Wo Streit ist, versöhnt Euch wieder! Hört nicht auf zu beten und mit der Kirche zu leben! Auch ihr Jüngeren, die ihr der nachwachsenden Generation angehört, denkt daran, was die Kirche für Eure Väter bedeutete und daß viele Eurer Vorfahren um des christlichen Glaubens willen Verfolgungen auf sich nahmen oder gar ihr Leben ließen! Ihr habt ein teures Erbe weiterzutragen, das für alle Christen in Deutschland ein Glaubenszeugnis ist!

Und darum möchte ich mich auch direkt an Sie wenden, hochwürdiger Herr Erzbischof. Da wir uns ja nun schon so lange kennen, darf ich wohl auch sagen, lieber Bruder in Christus Hanna Aydin!
Sie wissen, wie sehr ich mich Ihrer Kirche verbunden weiß. Ich bitte Sie von ganzem Herzen,

nehmen Sie sich in bischöflicher Liebe und Fürsorge dieser kleinen Schar, der syrisch-orthodoxen Christen in Braunschweig/Wolfenbüttel an! Ich weiß, daß es für eine so kleine Gemeinde wie die hiesige sehr schwer ist, ohne einen eigenen Priester ein geregeltes Gottesdienst- und Gemeindeleben zu haben. Aber Integration in Deutschland darf doch nicht bedeuten, daß sie ihre christliche Identität oder gar den Glauben an Christus verlieren. Wie ich mehrfach sagte: „mit Euch syrisch-orthodoxen

Christen ist die Urkirche zu uns ins Abendland gekommen.“ Wir Christen in Deutschland haben Euer Glaubenszeugnis und Eure Treue zur Kirche nötig!

Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit!

Pfarrer Jürgen Diestelmann, Braunschweig


Literatur von Pfarrer i.R. Jürgen Diestelmann

 

Wie meine Studien zur Geschichte des Altarsakraments im alten Luthertum zustande kamen.

 

Aktuell !!

1. "Luther oder Melanchthon ?"Rezensionen zu "Luther oder Melanchthon"

Das Dankschreiben von Papst em. Benedikt XVI. an Pfarrer i.R. Jürgen Diestelmann

2. AM GRABE LUTHERS - Nachdenkliche und kritische Gedanken zum Reformationsjubiläum 2017

3. "Einladung zu Wort und Sakrament - Fünf Kapitel über die lutherische Messe"

Rezensionen zu dem Buch "Einladung zu Wort und Sakrament ..."

4. USUS UND ACTIO - Das Heilige Abendmahl bei Luther und Melanchthon

mit Rezensionen (deutsch englisch und schwedisch), sowie Inhaltsangaben (in Thesenform )

 Zuvor erschienen:

5. "ACTIO SACRAMENTALIS" mit Rezensionen zu diesem Buch (deutsch, englisch, schwedisch, norwegisch)

6. Konsekration Luthers Abendmahlsglaube in dogmatisch-liturgischer Sicht. Mit 11 (!) Rezesionen zu diesem Buch (deutsch, schwedisch, französisch)

7. Über die Lutherische MesseGemeindevorträge und Abhandlungen

8. Joachim Mörlin,  Luthers Kaplan - Papst der Lutheraner
Biographie Joachim Mörlins, des bedeutenden Lutherschülers und Superintendenten Braunschweigs

9. Von Pfr. J. Diestelmann herausgegeben: Tom G. A. Hardt, Venerabilis et adorabilis Eucharistia

mit einer Zusammenfassung in deutscher Sprache

 Fremdsprachige Beiträge zu den Veröffentlichungen von Pfarrer i.R. J. Diestelmann

Dänisch:  Alterets Sakramente ER vor Herres Jesu Kristi sande legeme og blod under brødet og vinen.

Finnisch  Luther ja ehtoollisaineet

Usus ja Actio - Ehtoollisteologisia näkökohtia Yksimielisyyden ohjeessa 

Italienisch  Martin lutero a giovanni paolo II

 Spanisch (Argentinien) Filipismo, Melanchton, y las Consecuencias


Bibliografie von J. Diestelmann


Persönliche Beiträge von Pfarrer i.R. Jürgen Diestelmann

Lebensdaten und Interessen

Luftwaffenhelfer 1944/45 - Wie ich das letzte Kriegsjahr erlebte

Der 15. Mai 1974 in Israelfür mich unvergesslich!

Die Angst vor dem Weibe

Die wunderlichen Gedanken des Kandidaten Theophil.

Vor 81 Jahren .... !

 

Persönliches


 
2006
Diestelmann, Jürgen
Geb. 1928 in Coburg
Kindheit und Volksschulbesuch in Königslutter/Elm
Besuch des Gymnasiums in Braunschweig und Schleusingen
1944/45 Luftwaffenhelfer in Merseburg
1948 Abitur am Wilhelm-Gymnasium Braunschweig
1948 - 1952 Theologiestudium in Mainz, Göttingen und Tübingen
1953 1. Theolog. Examen,
danach Vikar in Brüdern/St.Ulrici Braunschweig und ein Jahr Predigerseminar

2007

1955/56 "Hilfsprediger" in SZ-Thiede und für kurze Zeit in der Flüchtlingsseelsorge Berlin

16. Juni 1955 Ordination
1956-1968 Pfarrer in Salzgitter-Gebhardshagen
1968-1975 Pfarrer in Alfershausen/Mfr.
1975-1990 Pfarrer in Brüdern-St.Ulrici, Braunschweig
seit 1990 im Ruhestand.
Mitherausgeber des Brüdern-Rundbriefes“

Besondere Interessen:

2009

Wissenschaftliche Studien über die Abendmahlstheologie und Sakramentsfrömmigkeit der lutherischen Kirche im Reformationszeitalter, nach jahrelangen Studien zusammengefasst:


 

in dem 1996 erschienenen  Buch "Actio Sacramentalis"
und in dem 2007 erschienenen Buch Usus und Actio - Das Heilige Abendmahl bei Luther und Melanchthon
Verzeichnis der Veröffentlichungen (Bibliografie)

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QUELLE: http://www.luther-in-bs.de/


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